Amerikastudienfahrt
- Milwaukee, Wisconsin/USA -
der Gesellschaft für europäische Bildungsprojekte e.V.
vom 28. Oktober - 04. November 2011

Erfahrungsbericht von Melanie Eckstein
Im Herbst 2011 führte die Studienfahrt der GeB Lehrinnen und Lehrer sowie Schulleiter der hessischen Europaschulen ins amerikanische Wisconsin, den Partnerstaat des Landes Hessen. Ziel war es, das amerikanische Schulsystem kennenzulernen, und zu diesem Zweck standen für die hessischen Vertreter der weiterführenden Schulen Besuche an einer High School und Middle School in Milwaukee, Wisconsin, an. Neben zahlreichen Unterrichtshospitationen erhielten wir Zusatzinformationen zum amerikanischen Schul- und Bildungssystem in den eigens für uns organisierten Gesprächsrunden und Vorträgen.


Gruppenbild

Schon die Besichtigung der High School ließ Rückschlüsse zu, an welchen Stellen sich amerikanisches und deutsches Schulwesen voneinander unterscheiden. Gleich neben dem Eingang empfing uns die Statue eines Ritters in Lebensgröße - was sollte es damit auf sich haben? Es handelt sich um das Schulmaskottchen der High School, welche ihre Mitglieder auch als die Knights bezeichnet. Bei den zahlreichen sportlichen Wettbewerben, an denen die Schule teilnimmt, ist dieses Maskottchen immer zugegen und verstärkt den school spirit, welcher das Leben an der High School auszeichnet. Der Schulleiter legt großen Wert auf die Identifikation seiner Schüler mit ihrer Schule. "School is what you make of it", erklärt er und möchte damit alle motivieren, sich für ihre Schule einzubringen. Gelegenheit dazu gibt es reichlich, denn die Liste an freiwilligen Zusatzaktivitäten an der Schule ist lang: Sie reicht von Drama über Environment und Rhetorik bis hin zu zahlreichen sportlichen Aktivitäten.


MATC in Milwaukee Campus Central

Begeistert berichten die fünf Senior Officers (Vertreter des Abschlussjahrgangs) dann auch im Gespräch mit uns von einer Reihe an Aktivitäten, an denen sie teilnehmen: Drama, Dance, Best Buddies, German Club und Senior Officers - fünf zusätzliche freiwillige Aktivitäten neben der Schule scheinen für diese Schülerinnen normal. Mehr als 24 Stunden habe ihr Tag nicht, so erklären sie, die Hausaufgaben würden aber manchmal erst nachts um 1 Uhr angefertigt, Schlaf könne man ja am Wochenende nachholen. Ich bin hin und hergerissen zwischen Begeisterung für so viel Einsatz und Zweifeln an der Richtigkeit des deutlich werdenden Leistungsgedankens. Die Voraussetzungen für die Aufnahme an einem Top-College, so ihr Schulleiter, erfüllen diese Mädchen.



Auch die Räumlichkeiten der High School beeindruckten nachhaltig: Jeder Lehrer hat seinen eigenen Klassenraum und entsprechend liebevoll ist auch die Einrichtung und Dekoration der Räume. Aber auch die Gesamtausstattung der Schule ist enorm, Smartboards und Beamer in Hülle und Fülle, zwei große Sporthallen, ein Schwimmbad, zwei große Bühnen für Theateraufführungen und sogar eine Autowerkstatt - die Liste wäre noch beliebig zu erweitern. Ähnlich vielfältig ist auch das Kursangebot. Wir hospitieren zum Beispiel Geschichts- und Englischunterricht, sehen aber auch Lifeguards, Band oder Kochen. Die Bandbreite ist beeindruckend. Bei einer High School handelt es sich aber im Gegensatz zum Gymnasium um eine Gesamtschule, welche einerseits Kurse auf Collegeniveau anbietet, andererseits aber auch die Vorbereitung für das Berufsleben leistet. Bei der Kurswahl werden die Schüler vom Guidance Counselor beraten, welcher Weg für sie der richtige ist. Die Durchlässigkeit ist dabei wesentlich größer als im deutschen Schulsystem, die Wahlmöglichkeiten unter Berücksichtigung persönlicher Interessensschwerpunkte größer.


Essen im schuleigenen Restaurant
Der Unterricht selbst hinterlässt aber auch Fragezeichen beim Besucher: Lange Lehrervorträge, wenig Schüleraktiväten und entsprechend auch kaum Möglichkeiten, den Leistungsstand der Schüler zu diagnostizieren, erlebe ich in vielen, natürlich nicht allen Stunden. Der Schultag ist straff organisiert: Hat man morgens erst einmal das Gebäude betreten, wird man erst am Nachmittag wieder frische Luft schnappen können, denn die Gebäude verlassen Schüler und Lehrer am Vormittag nicht. Wann auch? Zum Wechseln der Räume haben die Schüler etwa vier Minuten Zeit, die Mittagspause ist 25 Minuten lang und in dieser Zeit werden mehrere hundert Schüler durch die Mensa gelotst. Warum haben die Schüler keine längeren Pausen am Vormittag? Wir fragten nach und der Schulleiter erläutert, dass bei längeren Pausen am Vormittag keine Zeit mehr für die zusätzlichen Activities am Nachmittag bleibe. Die Organisation ist zwar perfekt, doch für vieles bleibt anscheinend wenig Raum: Bewegung, ein Gespräch unter Schülern...

So kehre ich nach einer guten Woche Wisconsin zurück nach Deutschland mit dem Gefühl, viel Neues und Spannendes gesehen und erlebt zu haben, unglaublich viele nette und aufgeschlossenen Menschen getroffen zu haben, aber auch mit der Überzeugung, dass wir in Deutschland vieles besser machen, als wir es selbst manchmal glauben.


Eigene Räume für das Studentenparlament mit voller Ausstattung

© Fotos: Daniel Rück-Hofmann