Emilia-Romagna
Studienfahrt
der Gesellschaft für europäische Bildungsprojekte e.V.
vom 23. Oktober - 01. November 2013

Bericht von Dr. Jürgen Charnitzky
Fotos: Heidi Giese, Monika Hebbeker



Einblicke in die Struktur und Unterrichtspraxis des italienischen Schulsystems zu gewinnen, neue Kooperationen, Austausche und gemeinsame Projekte mit italienischen Schulen zu eröffnen: dies waren die vorrangigen Ziele der im Auftrag der GeB vom Verfasser dieser Zeilen organisierten neuntägigen Fortbildungsreise in die hessische Partnerregion Emilia-Romagna, an der eine 21köpfige Delegation - 18 Schulleiter(inn)en und Lehrkräfte von 15 hessischen Europaschulen, zwei Abteilungs- und Fachleiterinnen des Studienseminars für berufliche Schulen Gießen sowie eine schulfachliche Dezernentin des Staatlichen Schulamts Frankfurt - teilnahmen.

Das dichte Programm wurde noch am Tag der Anreise mit einem Empfang im Unterrichtsministerium der Regionalregierung (Giunta Regionale) eröffnet, bei dem der Unterrichtsminister (Assessore) Prof. Patrizio Bianchi und seine Mitarbeiterin Francesca Bergamini der Delegation einen Überblick über die in der Emilia-Romagna unternommenen Anstrengungen zur Verbesserung des allgemeinbildenden und beruflichen Schulsystems gaben und ihr Interesse an einer Intensivierung der Zusammenarbeit im Ausbildungswesen zwischen der Region und dem Land Hessen bekräftigten.


Prof. Patrizio Bianchi, Unterrichtsminister der Emilia Romagna

Von Bologna aus, wo die Teilnehmer für die Dauer des Aufenthalts in einem mitten in der historischen Altstadt gelegenen Hotel untergebracht waren, besuchte die Delegation, aufgeteilt in 2-3 Kleingruppen, in den folgenden Tagen insgesamt 11 Schulen aller Schulformen, in Bologna selbst sowie - mit gemieteten Vans - in den Städten Parma, Modena, San Giovanni in Persiceto, Comacchio, Codigoro, Cento, Lugo, Brisighella und Ravenna. Vor Ort bestand jeweils Gelegenheit zu Unterrichtshospitationen, Gesprächen und Erfahrungsaustauschen mit der Schulleitung und den italienischen Kolleginnen und Kollegen, die in ausgesprochen freundschaftlich-heiterer Atmosphäre verliefen.


Liceo "Curbastro", Lugo

Folgende Themen standen dabei im Vordergrund:
  • Inhalt und Auswirkungen der jüngsten Reform des Sekundarschulwesens auf die höheren Lehranstalten in Italien
  • Fremdsprachenunterricht und bilingualer Unterricht
  • naturwissenschaftliche und berufliche Ausbildung (Praktika, Kooperation mit außerschulischen Institutionen)
  • Praxis der Inklusion (Möglichkeiten und Grenzen)
  • Integration von Kindern mit Migrationshintergrund
  • individuelle Förderung und selbstorganisiertes Lernen, Problem des "Sitzenbleibens"
  • Lehrerausbildung
  • Möglichkeiten gemeinsamer Projekte, Austausche


Liceo "Dante Alighieri", Ravenna

Jede Schule zeigte sich bemüht, den deutschen Gästen mit einem zum Teil aufwändig gestalteten Besuchsprogramm einen vertieften Einblick in die Praxis ihres Schulalltags und ihr urbanes und soziales Umfeld zu vermitteln. Beeindruckt waren die Teilnehmer immer wieder von der Offenheit, Lernbereitschaft und Disziplin der italienischen Schülerinnen und Schüler, die oft einen anstrengenden Vormittag mit langen Unterrichtsstunden (50-60 Minuten), keinen oder nur geringen Pausen, Frontalunterricht und langwierigen mündlichen Prüfungen durchzustehen haben.










Liceo "Cevolani", Cento


Überreichung d. Gastgeschenke i. d. Biblioteca Zambeccari (18. Jh.), Liceo "Galvani", Bologna
Das zur freien Verfügung gestellte Wochenende nutzten die Teilnehmer, um Bologna und die nähere Umgebung mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten zu erkunden, einen Abstecher ans Meer oder nach San Marino zu machen. Auch das "Shopping" mit dem Einkauf landestypischer Produkte kam nicht zu kurz.

Der letzte Tag der Studienfahrt war einem Besuch in der südlich von Bologna bei Marzabotto gelegenen Gedenkstätte und Friedenschule Monte Sole vorbehalten, wo die gesamte Gruppe in Erinnerung an das Ende September / Anfang Oktober 1944 von Soldaten der Waffen-SS an der italienischen Zivilbevölkerung verübte Massaker an einem Seminar zum Thema "Besatzung, Widerstand und Erinnerung in Italien 1943-1945" teilnahm.

Die anschließende Wanderung durch den Gedächtnispark, bei der einige der insgesamt 115 Stätten des Massakers aufgesucht und Augenzeugenberichte von Überlebenden der Mord- und Vernichtungsaktion auf Deutsch verlesen wurden, hat alle Teilnehmer tief berührt und den Wert der europäischen Verständigung, Zusammenarbeit und Friedenssicherung noch einmal deutlich vor Augen geführt. Viele zeigten sich interessiert, die auch mit hessischen Landesmitteln geförderte Gedenkstätte für deutsch-italienische Begegnungen zwischen Schüler/innen der Europaschulen und der besuchten Schulen in der Emilia-Romagna zu nutzen.






Besinnung am Ort des Schreckens: Cimitero di Casaglia im Gedächtnispark Monte Sole

Das am gleichen Abend gemeinsam mit italienischen Kolleginnen und Kollegen in Bologna eingenommene Abschiedsessen bot reichlich Gesprächsstoff und Gelegenheit, die vielfältigen Eindrücke und Erfahrungen miteinander auszutauschen.



Angesichts der erfreulichen Resonanz, die der Studienaufenthalt insgesamt auf deutscher wie italienischer Seite hervorgerufen hat, besteht Anlass zur Hoffnung, dass die geknüpften Kontakte ihren Niederschlag in einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den besuchten Schulen und Bildungseinrichtungen finden.